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Zu Irene Zaharoffs Werk von Konrad Oberhuber

Die Bilder der Malerin Irene Zaharoff sprechen unmittelbar an. Worin liegt das Geheimnis ihrer Wirkung?

Die großformatigen, ausgreifenden, dynamischen Tafeln, die dennoch vielschichtig und in den kleinsten Details zu entdecken sind, erweisen sich nirgends als Abbilder, weder der äußeren gegenständlichen Welt noch unserer Vorstellungen davon.

In jedem einzelnen der auch in dunklen Zonen immer vorherrschend warmen Farbbehandlung wird das, was in jedem von uns an seelischem Reichtum lebt, zum Ausdruck gebracht:

„Ausgangspunkt aller meiner Arbeiten ist dabei die Polarität Innen/Außen, die Auseinandersetzung mit den Beziehungen der verschiedenen Daseins- und Bewußtseinsebenen der menschlichen Existenz.“

Irene Zaharoff beherrscht die hohe Kunst der wortlosen Sprache und spricht somit im wahrsten Sinne kosmopolitisch. Und das ausschließlich mit dem Mittel der Farbe, welches sie ebenso selbstverständlich wie virtuos beherrscht.

Die Technik der Künstlerin, die Farbe zu führen, sie zu beleben, sie variationsreich zu verwandeln und in einen Prozess zu bringen, die alle ihre Bilder wie von innen her leuchten läßt, mag an diesen Beispielen exemplarisch sichtbar werden.

Zum Jahrtausendwechsel zeichnet sich nach langer Vorherrschaft von gedeckten Tönen und Monochromie in der bildenden Kunst ein neuer Aufbruch zur Farbenfreude ab, und Irene Zaharoff trägt dazu mit ihrem Mut zur Farbe ihren Teil bei.

Ihre Bilder aktivieren die schlafenden kreativen Möglichkeiten des Rezipienten, die im nachschaffenden Betrachten der Bilder dieses Kalenders erwachen mögen.

Sie werden ihm einleuchten und ihm wird gewissermaßen warm dabei.

Wer die großen monumentalen Triptychen von Irene Zaharoff zum ersten Mal sieht, wie etwa „elementar“, reagiert wahrscheinlich mit einem Ausruf des Erstaunens.

Einen so radikalen Kontrast von dunklem Blau und hellem Gelb, tiefem Orange und sattem Rot findet man in der heutigen Malerei selten.

Er wird gesteigert durch die lebendige Leuchtkraft dieser Farben und durch ihre,expressive Gestik, die Ruhe des Blaus, das blitzhafte Aufleuchten des Gelb und die statischere Haltung von Rot und Orange.

Dabei schweben die durchlichteten Farben frei im Raum wie Himmelserscheinungen und heben den Betrachter aus der eigenen Leibesschwere heraus in eine Sphäre freier Farbgeistigkeit.

Trotz der verwendeten Ölfarbe fühlt man nie die übliche Dichte und Materialität dieses Mediums, weil die Leuchtkraft nicht durch die Dicke des Farbauftrages, sondern durch eine Vielfalt dünnster Lasuren übereinander erzielt wird.

Nicht in allen Werken werden die Farbpolarität und die Farbgestik so sehr gesteigert und pointiert präsentiert.
In Gemälden wie „mehr gegen den Rand der Welt zu“ sind die Töne gedämpfter und die Farben werden in  kleineren Flächen aufgetragen und vermitteln so einen ganz anderen Eindruck, nämlich den eines wohligen Eingebettetseins in ein kosmisches Ganzes.

Dazwischen gibt es bei Irene Zaharoff viele Abstufungen des Zusammenwirkens von lichtdurchdrungener Farbe, die vom Himmlischen auch mehr in das Irdische, Steinhafte, Landschaftliche führen können und schließlich auch Arbeiten, in denen das Malmaterial selbst zum Sprechen kommt.

Diese Seite ihres Werkes wird vor allem bei den Werken auf Papier besonders deutlich. Hier arbeitet die Künstlerin vor allem mit denStrukturen, die die wasserlöslichen meist braunen oder schwarzen Pigmente beim Trocknen auf der Unterlage annehmen.

Die verschiedene Dichte der Mischung, die größere oder geringere Löslichkeit der mineralischen oder pflanzlichen Stoffe und die Saugkraft des Papiers werden bewusst als formgebende Mittel eingesetzt.

Der Pinsel dient mehr dazu, diesen Prozess zu leiten, als um selbst von sich aus gestaltend zu wirken.

Dabei entstehen erstaunliche meist an Landschaften erinnernde Bildungen, die manchmal auch mit Versen eines befreundeten Dichters, Buh-Kutzli, verbunden wurden, der diese selbst in die Werke einschrieb und so die poetische Wirkung der Werke unterstrich.

Man kann dabei an ostasiatische Malerein und Dichtwerke denken.

Irene Zaharoff stellt sich mit solchen Werken in die große Tradition von Papierarbeiten, für die Antoni Tapiez und Joseph Beuys bahnbrechend waren und bringt in diese Richtung eine ganz eigene Sensibilität für die Natur ein.
Seit der Revolution um 1900 gegen die damals vor-wiegend repräsentative Kunst wird die Forderung, das Material selbst zum Sprechen zu bringen, in der Kunst immer stärker, vor allem im deutschen Expressionismus.

In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts drängt diese Forderung auch immer mehr zur Verwirklichung.

In Österreich z.B. hat Max Weiler viel mit den Qualitäten seiner Temperafarben gearbeitet und ihren Gesten in seinen Bildern viel freien Raum gegeben. Was die Eigenständigkeit der Farben betrifft, war es am Beginn
des Jahrhunderts vor allem der auch von Beuys verehrte Rudolf Steiner gewesen, der auf den  Beobachtungenzum Farbcharakter bei Goethe aufbauend die Forderung stellte, dass in Zukunft die Farbe die Form bestimmen müsse, nicht die Linie, wie es die akademische Tradition, und selbst noch Matisse, der große Kolorist, verlangten.

Die befreiten Farben und Materialien, fügen sich dann, wie Weiler dies dann in den sechziger Jahren beobachtete,zu naturnahen und spirituellen Gebilden.

Irene Zaharoff folgt in ihrem Werk in besonders radikaler Weise diesen neuen Forderungen an die Kunst und bereichert sie durch ihre tiefe meditative Einfühlung in Pflanzen, Landschaften und Tiere.
Sie kommt damit zu den oft Erstaunen auslösenden Ergebnissen, die wir eingangs beschrieben.

Prof. Dr. Konrad Oberhuber
1935 in Linz geboren, studierte Konrad Oberhuber Kunstgeschichte in Wien, Köln und Rom.
Von 1961 – 1971 war er an der Albertina in Wien tätig, wohin er 1987 als Direktor zurückkehrte.
Dazwischen war er an der National Gallery in Washington beschäftigt und unterrichtete am Institute for Advanced Studies in Princeton und zwölf Jahre an der Universität Harvard.

Poem

your painting is a doorway
backwards
inside my head it opens
like a gash
hard un-hardened things
felt but unexpressed
seen but unperceived
words torn apart unravelled
into meanings
in and through and down
along the caves and tubes and
filamental paths of hormones
cradle our dreams
beginnings

your painting is a journey
beyond
fire
fantasies and cloud castles
breaking
open bursting into
radiant
laughing
light

Katharina Russel-Head
design director
Melbourne, 1998